Dr. Ralph KrayTragische Kultur- und Literaturtheorie? (II)

Rezension zu: Konturen des Unentschiedenen

Hrsg. von Jörg Huber und Martin Heller

Basel, Frankfurt/M.: Stroemfeld; Zürich: Museum für Gestaltung 1997. 294 S. div. Abb. 28,-- DM

(Interventionen 6)

Den Vorgängerband Interventionen 5 (1996) hatte Hans Ulrich Gumbrecht mit der, hier noch eher beiläufigen, These eröffnet, "daß Bezeichnungen immer dann emphatischer und komplexer werden, wenn Sprecher ihre traditionellen Gewißheiten hinsichtlich der Phänomene verlieren, auf die sie sich mit ihnen beziehen" (S. 17). Die Konturen des Unentschiedenen sind in dieser doppelten Hinsicht für Schwierigkeiten mit Bezeichnungs- wie mit deren Beziehungsdimensionen symptomatisch. Die Beiträge erkunden "Möglichkeiten der Darstellungen" (S. 7) von Situationen der Theorie, die sich wider den Anschein einer sich durchhaltenden "Kontinuität der abendländischen Denkgeschichte, die sich als einen einheitlichen Zusammenhang ausweist" (Niklas Luhmann 1969/70 im Aufsatz Die Praxis der Theorie), in der gängigen Arbeitsteilung der wissenschaftlichen Praxis der Theorie nicht mehr 'von selbst' verstehen. Hier schlägt gewöhnlich die Stunde der Hermeneutik. Diese möchte so etwas wie den "Identitätskern" (Luhmann ebenda) der changierenden wissenschaftstheoretischen Sicherung theoretischer Interpretationen und wissenssoziologischer Zusatzerklärungen ausmachen. Die Systemtheorie vermutet diesen Identitätskern im Problembezug der Theorie bzw. in der Zirkulation von Problemen selbst, die Hermeneutik erkennt - nicht unähnlich - ihrerseits überall Verstehensprobleme und besetzt folglich das weite Feld von der philosophischen bis zur Alltagshermeneutik. Der hermeneutischen Universalisierung von Verstehensproblemen, versehen mit der Hoffnung, diese in historisch unterfütterten Denkschleifen (oder in Vergleichen) wenigstens neutralisieren zu können, geht indes heute der materiale und theoretische Resonanzboden abhanden. Sie besetzt und generiert demzufolge paradoxerweise häufig kaum mehr als begriffs- und textgeschichtliche Nischen. Die Interventionen 5 setzten im Blick auf diese epistemologische Lagebeschreibung ein mit dem gegenparadoxen Motiv des 'Nicht-Hermeneutischen' im 'hermeneutischen Feld' - mit der nochmals grundsätzlich ansetzenden Nachfrage, wie es um die Entscheidbarkeit hermeneutischer Verstehensleistungen als Bewältigungsstrategien für zunehmend unentscheidbare Situationen der Theorie bestellt sei.

Während die Interventionen 5 den Herd solcher Situationen jedoch (noch) für begrenzt oder wenigstens begrenzbar annahmen, indem sie speziell auf 'Irritationen der Selbstbestimmung' abstellten, wachsen sich die unentscheidbaren Situationen der Theorie in den Interventionen 6 zum Szenarium des 'Unentschiedenen' aus. Das sieht zunächst nach einem Pyrrhussieg über die Unvermeidlichkeit der Hermeneutik und ihren Universalisierungsdrang aus. Doch will Jörg Huber wenn auch auf keinen Identitätskern so doch auf einen harten, zur problematischen Figuration geronnenen Kern der Situation von Theorie gestoßen sein. Er nimmt nämlich an, daß die "Komplexität aktueller Problemstellungen sowie die Überfülle der Optionen [...] die Trennschärfe verschiedener Handlungs- und Vorstellungsbereiche kaum mehr" zulassen. Das hätte freilich auch schon für die im Vorgängerband thematisierten Irritationen der Selbstbestimmung gegolten. Denn gerade die viel besprochene 'Auflösung des Subjekts' kann man als moderne Problemformel für die "Denk-Unmöglichkeit" auffassen, "Sinn, Erfahrung, Handeln in jeweils einer Instanz bündeln oder gar beherrschen zu wollen" (Gumbrecht an anderer Stelle). "Deterritorialisierungen und Dislozierungen", so die weitreichende These Jörg Hubers, "bestimmen den derart in Bewegung geratenen Theoriebetrieb. Dies festzustellen ist eins; ein anderes, es im einzelnen zu beschreiben, nach den Möglichkeiten der Darstellungen zu fragen, die Folgen zu bedenken und die möglichen Bedeutungen zu exponieren" (S. 7).

Man hat angesichts dieser zweifelsohne erfrischend (meta-)kritikfreudigen Diagnosen umgekehrt den Eindruck, die Theorie fürchte derzeit am meisten den, nicht selten aus den eigenen Reihen kommenden Vorwurf, latent 'unterkomplex' zu sein (ein Stichwort, im wörtlichen Sinn, des Soziologen Peter Fuchs). Anders formuliert: Der 'geistes'wissenschaftlichen Theorie droht wahrscheinlich schon bei Dilthey das ständige Nachsehen und bloße Nachschreiben gegenüber der Dynamik und Komplexität der 'Wirklichkeiten, in denen wir leben' - und die wir aus Sicht nicht weniger Realismus-Manager eher in eine Art applikationsorientierte Expertise 'vorwärtsintegrieren' sollten, statt sie weiterhin theoretisch zu 'durchdringen'. Wie immer man sich zu dieser (Schein-)Alternative stellen mag, eine geisteswissenschaftlich bis dato gut belegbare Vermeidungsstrategie für Unterkomplexität ist die theoretische Mimikry an die vermeintlich faktische, 'unhintergehbare' Problemhöhe der "Ausdifferenzierung und Dynamisierung der Gestaltungen der alltäglichen Lebenswelten, der Produktion und Distribution von Wissen wie der Ausformungen des Imaginären" (S. 7). Diese schlägt sich, wofür der vorliegende Band ein Beispiel gibt, nieder in der Variante einer Emergenz der Semantik der Theorie ("Evaluieren und Wiedererwägen der Bestände", "Erproben von Querläufen und Grenzgängen sowie im Testen von Denk- und Verfahrensweisen in dezentrierten Netzwerken", S. 7) oder in einer Emergenz der Form der Theorie (derzeit repräsentiert in westlichen Breiten diesen Mimikrytyp mehr oder weniger einzig die Systemtheorie Luhmanns). Ein charakteristisches Merkmal der vergleichsweise harten, auf Formemergenz setzenden Theorie ist das mittlerweile gut bekannte Vokabular des 'Differenzierens'; ein charakteristisches Merkmal der vergleichsweise weichen, auf semantische Emergenz setzenden Theorie ist, so die Formulierung von Jörg Huber, das "Vokabular des 'Streunens'" (S. 7). Wenn sich neuerdings selbst die (ansonsten eher als besonders unnachgiebig apostrophierten) Theorievertreter des Konstruktivismus dazu hinreißen lassen, "'Systemflirts'" für das angemessene Nutzverhalten gegenüber den Differenzen und damit den Möglichkeiten verschiedener sozialer Systeme zu empfehlen (S. J. Schmidt in einem Aufsatz über Medien, Kultur: Medienkultur. Ein konstruktivistisches Gesprächsangebot, 1992), so wird man die Faszination Hubers für Figuren wie den "Flaneur", die "Dérive", den "Begriff des Nomadisierens", das "Rhizom", "die Tätigkeit der intellektuellen Wühlmäuse und 'Agentenbanden' (Zielinski)" (S. 8) sicher nicht gleich für verwunderlich halten. "Die 'mäandrierenden Grenzen zwischen Wissen und Unwissen' (Ehrliholzer) sind nicht zu begradigen, die Ambivalenzen gilt es auszuhalten" (S. 8), schreibt Jörg Huber verschärfend im Vorwort. Die Ausgangssituation einer rekonturierenden 'Theorie' des Unentschiedenen ist offenbar keine gemütliche. Mit welchen Theoriefiguren kann man sich dann aber darauf bzw. darin einrichten? Oder kommt, wie Rudolf Schilling und Hansjörg Siegenthaler einführend im Gespräch miteinander diskutieren, wenn nicht (mehr) der Theorie so nachgerade der Kunst die alte/neue Aufgabe einer "Kommunikationsstiftung" zu, genauer: Hält die Kunst "identitätsstiftende Leistungen" (S. 17, 19) gegenüber dem diskursiv und kulturell 'Unentschiedenen' gleichsam in Reserve?

Die besonders für ihre Impulse auf dem Gebiet der feministischen Theorie bekannte Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California in Berkeley, Judith Butler, setzt hingegen - auf überraschende Weise - an bei einer im Vergleich zur Kunst kulturell scheinbar selbstverständlicheren und scheinbar wesentlich materialeren Bedingung der Möglichkeit zur Rekonturierung dessen, was im Zeichen der Modernität als "Zeit der Unentschiedenheit" (S. 26) so alles an 'ersten' und 'zweiten' etc. Naturen für uns mittlerweile in eine schier abgründige Drift geraten ist: "Die Geschlechterdifferenz ist [...] so etwas wie ein notwendiger Hintergrund für die Möglichkeit des Denkens, der Sprache und der Existenz der Körper in der Welt. Und wer gegen sie anzugehen versucht, argumentiert in genau der Struktur, die sein Argument möglich macht." Wenn es also (entgegen den "Formen vulgärer Verallgemeinerungen"(S.27) auch seitens einiger feministischer Untersuchungen) nicht darum gehen kann, "das Ende der Geschlechterdifferenz fordern" (S. 25) zu wollen, so stellt sich dennoch die demgegenüber weniger abgegriffene Frage, ob unter verschärften Realismusbedingungen der Modernität auch die Begriffe und Diskurse der Geschlechterdifferenz(ierung) "nicht mehr ganz in derselben Weise wie einstmals funktionieren" (S. 27, z.B. als eine Art Metadiskurs mit einem "ontologischen Status", "der keiner ist", vgl. S. 35f., 39). Jedenfalls ist die Geschlechterdifferenz "nicht eine einfache Gegebenheit, aber genausowenig ist sie einfach ein Effekt von Gegebenheiten. Wenn sie psychisch ist, dann ist sie auch sozial, und im Grunde ist das", meint Butler, "noch gar nicht ausgearbeitet worden." Darum nutzen die Diskurse über Geschlechterdifferenz, ob strategieabhängig als feministische Rede von gender oder als katholizistische Rede von biologischem Geschlecht, kaum bei "der ständigen Schwierigkeit zu bestimmen, wo das Biologische, das Psychische, das Diskursive, das Soziale anfangen und aufhören" (S. 35). Für Butler bildet die Geschlechterdifferenz "eine Grenzvorstellung" zwischen psychischen, somatischen und sozialen Dimensionen, "die sich niemals gänzlich ineinander überführen lassen, die aber deshalb nicht letztlich voneinander abgesetzt sind" (S. 36). Der Diskurs über Geschlechterdifferenz bleibt daher gewissermaßen ambivalent suggestiv: Mit seiner Hilfe werden vor wie nach andere Diskurse (z.B. Ich-Diskurse, Körper-Diskurse) arretiert oder gar aus ihm abgeleitet, andererseits provoziert der Diskurs permanent "Angriffe auf seine bestehende Ausformulierung" (S.42) und wirkt dann als Medium der kulturellen Drift von Bildern und Codierungen der 'Realität' des jeweils anderen und eigenen Geschlechts. Butler versucht, in Frageform verpackt, eine Art Synthesis dieser Ambivalenz von Geschlechterdifferenz:" Ist sie daher kein Ding, keine Tatsache, keine Vorannahme, sondern vielmehr ein Verlangen nach erneuter Artikulation, das niemals zur Gänze verschwindet - aber das sich ebensowenig jemals zur Gänze zeigen wird? [...] Das Ausgeschlossene konstituiert in diesem Sinne die kontigente Grenze der Universalisierung" (S. 36, 42) Sowohl die Rede vom schleichenden oder abrupten Ende wie die Rede vom ursprungsverhafteten oder selbstverständlichen Fortgang der Geschlechterdifferenz sind, sofern damit eine nur je verschieden orientierte "Entscheidung" fällt darüber, "was Geschlechterdifferenz ist", für Butler zu 'unterkomplex'. Sie bevorzugt eine 'Artikulation von' statt einen 'Diskurs über' Geschlechterdifferenz, die "diese Entscheidung offenläßt, irritierend und unentschieden" (S. 43).

Ressourcen für die Konturierung des Unentschiedenen werden also auf kultur- und sozialanthropologischer Ebene traditionell zum Beispiel über 'Geschlechter'fragen mobilisiert, auf kultur- und sozialhistorischer Ebene korrespondiert, insbesondere im späten europäischen 19. Jahrhundert nochmals stark favorisiert und routinisiert, dieser Funktion "die 'nationale' Frage". Diese verwandelt, meint Julia Kristeva in Proust: Identitätsfragen, "Identität in Zugehörigkeit": "'ich bin' reduziert sich hier auf 'ich bin einer von euch', ', 'ich gehöre dazu'" (S. 45). Sowohl die Inklusions-/Exklusionsregeln des Geschlechts als auch die der nationalen als einer persönlichen 'Identität' werden in Prousts A la recherche du temps perdu durch einen "Kult der Zweideutigkeit" boykottiert, in fiktionalen Schein - mithin ihres Scheins - überführt. "Am Ende seines Romans jedenfalls desidentifiziert Proust mit Hingabe die Nation, nachdem er zuvor das Geschlecht transsexualisiert hat. Er selbst fühlt sich, halten wir diese Nuance fest, nicht dem 'Körper Frankreich' verbunden, sondern dem 'Schauspieler Frankreich' [...] Mit welcher 'Identität' haben wir es also bei Proust zu tun, und wie 'engagiert' sie sich?" (S. 46) Kristeva gibt zur Antwort, Prousts Verständnis von 'Person' (ähnlich seinem Vorgänger La Bruyère, vgl. S. 50f., 53) sei der Zusammenhang mit der griechischen Rhetorik und dem griechischen "'Charakter' (êthos)"-Begriff eingeschrieben: "Den Griechen war der Begriff 'Person' unbekannt: Der Poetik des Aristoteles zufolge sind es 'Handelnde' (prattontes), die die Erzählung tragen. Ob sie 'Modelle' oder 'Kopien' sind, wirkliche Wesen oder Fiktionswesen, immer besitzen diese 'Handelnden' ethische Charaktere ('Niedrigkeit' oder 'Adel'). [...] Weit davon entfernt, eine eigenständige Entität, ein 'Subjekt' zu sein, entsteht und vergeht der antike Charakter - das êthos - nach Maßgabe der Geschichte selbst, in der Handlung und Rede sich vermischen. Obwohl er die Moral verkündet, die vor der Erzählung da ist, wird der Charakter doch erst durch die überraschenden Wendungen und die Erfordernisse der Narration endgültig geprägt. [...] Vergleichen wir kurz die Jahrhunderte, und wir stellen fest, wie sehr die 'Personen' Prousts Komplizen dieser Rhetorik einer anderen Zeit sind, die weder eine Ethik noch eine Psychologie war, sondern, wie Proust vielleicht gesagt hätte, ein Kinetoskop sprachlichen Verhaltens." (S. 47, 51) Daraus folgert für Kristeva, die Imagination des Erzählers Proust fragmentarisiere und isoliere den 'Charakter', diese selbst sei daher "snobistisch". "Die klassische Statuarik [des 'Charakters'] verschwindet nicht, wird aber nachgiebig und irreal. [...] Diese Ungewißheit der Wahrnehmungen greift auf die Personen über." Die 'Personen' bei Proust implizieren nach Kristeva "eine regelrechte Politik des Romans im Bereich der Identität und der Zugehörigkeit. [...] Sobald sich die Person [...] von ihrem Territorium löst, weil das rhetorische Karussell des Erzählers nicht aufhört, sich zu drehen, und sie eine Vielzahl von Sprachen sprechen läßt, verliert sie ihre skulptural-realistische Konsistenz: sie wird nicht mehr als echtes Individuum wahrgenommen, sondern als eine abstrakte, intellektuelle Schöpfung durch das Wort. Dadurch enttäuscht sie den realistischen Leser, der sich um sein Recht auf Illusion betrogen fühlt." (S. 59f.) Mit der narrativen Irritation respektive Dezentrierung substantialistischer 'Person'modelle löst Proust die "französische Hamletfrage [...]: Bin ich einer oder bin ich nicht einer, der dazugehört?" - die "schwindelerregende Logik der Zugehörigkeit" (chiffriert in "Clanwesen", "Nationalismus", "Jüdischkeit") - freilich nicht einfach auf: "Es ist einfach unmöglich, nicht dazuzugehören". Vielmehr handelt es sich um einen Versuch, "die sadomasochistische Dynamik geschlossener Gruppen aufzudecken, ein keineswegs überholtes soziologisches und metaphysisches Projekt" (S. 74, 78). Wie schon vor ihr Judith Butler visiert auch Julia Kristeva eine Beobachterposition an diesseits aller Rhetorik der Hintergehbarkeit oder der Unhintergehbarkeit von zweifellos hartnäckigen Themen des 'Entschiedenen' wie etwa Geschlecht und Nation. Nicht deren bisweilen fatale soziokulturelle Effekte sind, wie man gerade gegenwärtig beobachten kann, verbraucht. Im Gegenteil stellen moderne Gesellschaften je 'unentschiedener' die Frage ihrer sozialen 'Erreichbarkeit' und 'Einheit' ist, über solche Themen 'Adressen' (Peter Fuchs) oder gar Garantien für die (höchst suggestive) Kommunikation sozialer Erreichbarkeit und Einheit in einer scheinbar paradoxienfreien Zone bereit - auch um den, nicht selten dann in der 'Literatur' ausformulierten, Preis "einer gefährlichen Regionalisierung". Wohl aber wußte offenbar schon Proust nicht mehr so recht, welche Bedeutung - und nicht nur welche Sinneffekte - die (französische) Hamletfrage nach 'Zugehörigkeit' zu Geschlecht, Nation etc. für 'Identitätsfragen' haben sollte. Das mag man als Vorzeichen des "postmoderne[n] Minimalismus" werten. "Sich weder auf die eine noch auf die andere Seite festlegend, sondern ständig jenseits von ihnen, hört Proust nicht auf, all die zu verwirren, die 'dazugehören' wollen." (S. 78)

Das scheint für die neuerdings so genannten personalen wie für soziale Systeme auf die Dauer freilich weitgehend schlicht zu anstrengend und daher unzumutbar. Denn während der Roman gerade über semantische und formale Diskontinuierungen in der fiktiven Kommunikation soziokultureller Themenvorräte Selektionsoptimierung und mithin (zumindest binnenliterarische) Anschlußfähigkeit erreicht, ist - so kann man Susanne Lüdemann, wenn auch ein wenig ironischer gewendet, verstehen - das durchchnittliche "'schöpferische Subjekt'" und die tagtägliche "Schöpfungsordnung" sozialer Systeme gerade auf "Nachahmung, Mimesis oder imitatio" angewiesen, das heißt auf die inhärent elastische Kontinuierung von thematischen 'Modellrepertoires'. Lüdemann spricht von einem "leere[n] Wiederholen oder Nachahmen verschiedener und gleich gültiger Vorbilder oder Stilrichtungen [...] im beliebigen Wechsel von Darstellungstraditionen." (S. 79) Anders pointiert: Der "radikale Konstruktivismus [...] als radikaler, buchstäblich wild gewordener Subjektivismus" wird vielleicht der Literatur und insbesondere Literaten vom Schlage eines Proust, aber sicher nicht der Nachahmung der Gesellschaft in der Gesellschaft gerecht. Schon die Philosophie kommt jedenfalls nur mit einem stark gezähmtem Konstruktivismus zurecht: "'Nachahmung' disponiert [...] zum Denken und zur Selbsterkenntnis, sie disponiert zur Philosophie. [Hervorhebung Vf.]" Wie anders, wenn doch für die Philosophie der Gesellschaft seit Aristoteles 'Nachahmung' "keine rein theoretische Funktion, sondern auch eine ökonomische" besitzt: So ist die Tragödie als "soziale oder politische Kunst par excellence (die Kunst, die das Wesentliche der menschlichen praxis auf sich nimmt) [...] damit beauftragt, das Übel auszutreiben, das die menschlichen Beziehungen belastet. Deswegen bringt sie zwei Leidenschaften ins Spiel, die von jeder Beziehung in ihrer Möglichkeit selbst freigesetzt werden: den Schrecken, der die Leidenschaft der Auflösung des sozialen Bandes ist, die Leidenschaft der Entbindung oder der Dissoziation, und das Mitleid, das im Gegensatz dazu die Leidenschaft der sozialen Bindung selbst ist, wenn nicht gar - wie Rousseau glaubte - die ursprüngliche Leidenschaft der Geselligkeit." (S. 10f.) Mit 'Nachahmung' artikuliert und sichert Gesellschaft ihre eigene 'Wildheit', das, was ihre Reproduktion tendenziell gefährden, andererseits Motor und Innervation ihres Fortschritts sein kann: "das Begehren des Menschen als Begehren des Anderen" (S. 92), das "freie Spiel der Differenzen" im "Rollentausch", in der "schauspielerische[n] Verkörperung des anderen", in der "Maskerade" (S. 97). Weil und solange die "'freie Kommunikation des Verschiedenen'" im Kontrollrahmen der 'Nachahmung der Gesellschaft' verläuft, ist es unwahrscheinlich(er), daß sie in eine "'Krise der Unterschiede' - in eine Hysterisierung der Unterschiede und damit der (Nachahmung der) Gesellschaft - übergeht. Aber: "'Gleichheit' kann auch umschlagen in die Ununterscheidbarkeit oder Ununterschiedenheit des anderen, in dessen 'Bild' nicht mehr die Fremdheit und Abständigkeit aufscheint, deren es bedarf, um in die je eigene Unterschiedenheit, in das je eigene Unterscheiden einzutreten."(S.98) Lüdemanns Beitrag wirft die (nicht nur Erkenntnisspannungen betreffende) Frage auf, ob die zum Teil euphorische Selbstübereignung der 'Nachahmung der Gesellschaft' an die "wachsende Faszination des Simulakrums" in der "'Postmoderne'" (S. 79) in eine Entdistanzierung der Gesellschaft von der Gesellschaft mündet, in welcher nur mehr der "andere als mimetischer Rivale und monströser Doppelgänger" wartet und zu massiveren als bloß mimetischen Aussteuerungen der "Idealforderungen der demokratischen Gesellschaften" (S. 98) verleiten muß. Dann erhielte die Rede von der 'Tragödie' der Gesellschaft einen neuzeitlich sicher entwöhnten voraristotelischen und damit vorliterarischen Sinn.

Von solchen 'archaischen' Implikationen und Komplikationen des 'Neuen Unentschiedenen' hält sich freilich die Mehrzahl der übrigen Beiträge im Band fern. Diese verlegen sich demgegenüber und verständlicherweise auf die vergleichsweise wieder harmloseren, nichtsdestoweniger penetranten Folgeprobleme unserer demokratisch für viele überregulierten, in der Hölle ihrer Möglichkeiten (sensu S. Kierkegaard) längst schmorenden Gesellschafts'ordnung(en)'. "Nichts charakterisiert unsere Zeit treffender als die Auflösung, Verschiebung und das Neuziehen von Grenzen" (S. 151), beginnt Helga Nowotny und bringt damit die Leitidee des Bandes treffender als dort sonst nirgends auf den Begriff. Was Anthropologen in nichtwestlichen Kulturen Liminalität nennen, gewinne für westliche Kulturen an Brisanz. Der "Prozeß der Computerisierung, Virtualisierung, Telematisierung", der eben erst begonnen habe, führe das "Phänomen der Entgrenzung, eine Art von Entterritorialisierung" herauf(S.170). Für diese Situation, die Nowotny keineswegs generell altfränkisch oder kulturkritisch beklagt, stehen uns (und darin sieht sie allerdings ein Problem) noch keine besonders gut ausgeprägten und verbreiteten "neuen sozialen Umgangsformen" zur Verfügung. (Hoffnung machen ihr vorläufig lediglich die "mit Hilfe von High-Tech" operierenden Internet-Benutzer, die "etwas wiederherstellen" wollen, "das durch die Unpersönlichkeit der Moderne verlorengegangen war".) Werden die 'Ordnungen' der Gesellschaft, wie diese selbst, aber zunehmend ortlos, 'entterritorialisiert' (und einige Mitbeobachter mögen etwa noch Niklas Luhmanns letztes opus magnum Die Gesellschaft der Gesellschaft als eine in ihrem Souveränitätsgrad kaum noch entscheidbare Art von Neu-Verortungsaktion und -überreaktion verstehen), so purzelt zwar "ein ständiges Redesign" von "Wirklichkeit und Möglichkeit" heraus. Aber "dort, wo die Spielregeln den Sinn des Spiels nicht enthalten, werden" - wohl nur noch, so möchte man hinzufügen! - "neue Sinnspiele erfunden" (S. 170f., eben dies war bekanntermaßen schon Musils Dilemma im Mann ohne Eigenschaften).

Es mag sein, daß, wie Siegfried Zielinski meint, "'Interaktivität'" als "integraler Bestandteil eines jeden künstlerischen Prozesses" (und "nicht eine Erfindung der Telekom"...) auch hier zu neuen Konturierungen des im elektronischen cyberspace - notorisch und/oder strategisch? - 'Unentschiedenen' zwischen "Virtualität und Aktualisierung" (so nochmals Nowotny, S. 171), "Medienmenschen und Medienmaschinen" herausfordert. Indem man dank erweiterter Eingriffsmöglichkeiten "innerhalb dieser anderen Welt komplexe Wechselwirkungen zu ermöglichen" beginnt und der unmarked (cyber)space von "außer Kontrolle geratenden und turbulenten Agentenbanden" zwar nicht gleich eingegrenzt, aber in der interaktiven Entgrenzung 'wild verletzt', also zumindest 'irgendwie' markiert wird (S. 187f., statt "Supervision" nun "Subversion", 173). Mit dergleichen neo- oder gar postästhetischen Hochrechnungen einer, wie es im Untertitel bei Zielinski heißt, Anarchäologie des technischen Visionierens muß man - im alten metaphorischen und computerzeitaltergemäßen Sinn - sicher rechnen. Gehlen hielt bereits in den Zeit-Bildern. Zur Soziologie und Ästhetik der modernen Malerei (1960, 31986, S. 222f.) dafür, daß "gerade in den durchbürokratisierten Gesellschaften eine Sehnsucht nach Außenseitern und Nonkonformisten" entstünde; "das Publikum liebt es, wenn ihm das als erreichbar vorgeführt wird. Und nur in der Kunst (und der Literatur [und offenbar mittlerweile im cyberspace, Vf.]) kann man noch die Freiheitsgrade und Reflexionswachheiten und Libertinismen vorschweben lassen, die im öffentlichen Leben nicht unterzubringen wären; so wird sie Faszination und Sehnsuchtsraum, Freizügigkeit und Atemholen, gerade weil sie die 'existenziellen' Appelle nicht mehr enthält. Sie wird der Halt für Bewußtseinsexkursionen, denen der Platz sonst überall zugestellt ist." Vielleicht handelt es sich bei Programmen wie jener Anarchäologie aber eben darum auch, wie Gehlen anderweitig formulierte, um eine "in der Grundsubstanz entkernte Theologie".

Der Band Konturen des Unentschiedenen dreht jedenfalls zusehends ins stofflich, motivisch und argumentativ Konturlose und Unentschiedene ab. Darin möchte man, dies Defizit in einen Vorteil gewendet, eine im übrigen von der Systemtheorie als Ausweis von besonderer Theoriefähigkeit immer wieder gelobte starke Variante der Selbstbezüglichkeit und Komplexitätssteigerung theoretischer Programme erkennen. Mindestens leistet der Band bis hin zum Schlußbeitrag von Thomas Y. Levin, der das folgende Stichwort geben soll, eine "Psychogeographie" (S. 283) der radikalen Eventualitäten westlicher Kulturen der Gegenwart - angetroffen im epistemologischen 'Winterschlaf'.

Gut getan hätte dem Band daher eine noch stärker das heterogene Material bündelnde kulturwissenschaftlich-epistemologische Leitidee, ungleich mehr als ein zweifellos überzeugendes Leitproblem (vgl. Beginn der Rezensionsartikels). Kann man etwa die 'Konturen des Unentschiedenen' mit den Möglichkeiten und Konsequenzen von semantischen oder strukturellen Abkoppelungen identifizieren, die das 'Unentschiedene' (die 'Indifferenz' etc.), und sei es nur kurzfristig frei- und einsetzen; und dies, um kommunikations- oder bewußtseinsorientierte 'Systeme' um so dezidierter zu schließen, also um sie noch 'entschiedener' zu konturieren ('Grenzen' zu ziehen)? Wäre das 'Unentschiedene' dann, wenn auch unspektakulär, jeweils die Unterscheidung, mit der die Abkoppelung selbst operiert und die sie als ihren 'blinden Fleck' nicht selbst unterscheiden - entscheiden - kann? Nur, diese - weder so neue noch nur systemtheoretische - Leitidee, wäre auch sie wiederum eher eine 'in der Grundsubstanz entkernte Theologie' und bliebe in ihrer etwaigen Bedeutung für den Band darum nicht weniger 'unentschieden'? Mit einem anderen, F. M. Dostojewskijs Wort: Warten auf uns, wenigstens nach diesem Band, bloß vornehme "Ideechen" der Posttheorie? Man ist gespannt auf die intervenierenden Antworten in N° 7.

Dr. Ralph Kray

Friedrich-Wilhelm-Straße 7

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E-Mail: Dr.Kray@t-online.de

Der Verfasser ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin/Zentrum für Literaturforschung und arbeitet dort an einem komparatistischen Forschungsprojekt zum Thema "Der auktoriale Diskurs in vergleichender Sicht".